Author Topic: hêrre, nû sît ir mîn - Hausarbeit von Malte Lange  (Read 3093 times)

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hêrre, nû sît ir mîn - Hausarbeit von Malte Lange
« on: 05. April 2010, 00:04:37 »
hêrre, nû sît ir mîn.
-

Herzeloyde: Liebende Frau und Mutter
oder Egozentrikerin mit Kontrollzwang?


Inhaltsverzeichnis:                  


1. Einleitung                             
2. Herzeloyde: Liebende Mutter und Frau oder Egozentrikerin
mit Kontrollzwang                              
   2.1 Herzeloyde und Gahmuret                 
      2.1.1 Eroberung Gahmurets              
      2.1.2 Die Beziehung                    
      2.1.3 Gahmurets Tod                 
   2.2 Herzeloyde und Parzival                 
      2.2.1 Übertragung Gahmurets auf Parzival        
      2.2.2 Verhalten gegenüber Parzival           
3. Fazit                           
4. Quellenverzeichnis                     




1.    Einleitung

Bei der ersten Beschäftigung mit der Lektüre fiel mir die Figur der Herzeloyde nicht als etwas Besonderes auf. Ich sah in ihr nur die liebende Frau Gahmurets und Mutter Parzivals, mit denen ich mich weiter beschäftigen wollte. Doch beim reflektieren über den Inhalt des Titurels und des Anfangs des Parzival wurde ich stutzig: Beurteilt man Herzeloyde anhand ihrer konkreten Handlungen und lässt die in einem merkwürdigen Gegensatz dazu stehenden Lobpreisungen des Erzählers außen vor,  so kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass es ihr bei ihrem Handeln egal ist, ob ihre Liebsten dabei leiden oder zu Schaden kommen.
Die Frage nach den Motiven Herzeloydes wird tatsächlich in der wissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert. Einen sehr interessanten Ansatz bietet Gertrude Jaron Lewis, die ein wahrhaft erschreckendes Bild der „unheiligen Herzeloyde“ zeichnet.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit eben der Frage, wie die Taten Herzeloydes zu bewerten sind. Dabei ist sie größtenteils chronologisch strukturiert, führt also vom ersten Kontakt zwischen Herzeloyde und Gahmuret über Parzival und endet mit dem Tod Herzeloydes.


2. Herzeloyde: Liebende Frau und Mutter oder Egozentrikerin mit Kontrollzwang?
   2.1 Herzeloyde und Gahmuret
      2.1.1 Eroberung Gahmurets

Bereits als sie von Gahmuret hört, wird Herzeloydes Interesse geweckt. In der Frage „Wê wan kumt er et selbe drîn?“ schwingt bereits ein Sehnen mit , das mich an das Motiv der Fernminne denken lässt.
Im Folgenden geht sie zielstrebig vor, um zu bekommen, was sie begehrt. Noch vor Ende des Vorabendturniers beschließt sie, Gahmuret sei der Sieger und besucht ihn in seinem Zelt, offenbar von freudiger Erregung erfüllt. Es wird beschrieben, dass Gahmuret ihr gefällt, nun, da sie ihn sieht, und während er distanziert bleibt und sich an die höfischen Sitten hält,   lässt sie sich von ihren Gefühlen leiten. Obwohl es in der Situation eigentlich nicht angebracht ist – Herzeloyde ist zu Gast in Gahmurets Zelt – bietet sie ihm als Gastgeberin in ihrem Reiche einen Willkommenskuss an. Dass es sich dabei vielleicht um mehr als nur eine höfische Geste handelt lässt sich außerdem daran erahnen, dass sie dieses Angebot „mit vröuden“ vorbringt.  Die Einseitigkeit dieses Begehrens wird deutlich, als Gahmuret Herzeloydes Verhalten abschwächt, indem er sagt, sie müsse jeden der Könige im Zelt auf diese Weise begrüßen.
Das tut Herzeloydes Leidenschaft allerdings keinen Abbruch. Als sich Gahmuret neben sie setzt wird sie so sehr von ihren Gefühlen überwältigt, dass sie ihn greift und an sich zieht.

   [...]dâ saz ûf des sich hie vröut
   diu werde Wâleisinne:
   si twanc iedoch sîn minne.
   er saz vür si sô nâhe nider,
   daz si in begreif und zôch in wider
   Anderhalp vast an ir lîp.
            Parzival 83, 30 – 84, 5

Wird auch gesagt, Gahmuret würde ihre Liebe sofort erwidern, wäre er nicht in so tiefer Trauer, so ist er doch zu diesem Zeitpunkt eindeutig nicht interessiert. Herzeloydes Verhalten scheint von großer innerer Aufgewühltheit und starkem, echtem Begehren für Gahmuret motiviert zu sein, nichts destotrotz handelt sie rücksichtslos, im Folgenden sogar gegen seinen ausdrücklichen Willen, allein um ihr Verlangen zu befriedigen.
Sie fordert von Gahmuret er solle ihr nicht ihr Recht verwehren, das sie auf ihn habe.  Dass sowohl Belakane, als auch Ampflise bereits ein „Recht“ auf Gahmuret haben erkennt sie nicht an. Auf Gahmurets Bitte, ihn nicht weiter zu bedrängen, da er um seinen Bruder trauere, geht sie nicht ein, sondern fordert ihn erbarmungslos auf, sie nicht länger warten zu lassen und ihr zu sagen, wie er sich gegen sie zu wehren gedenke.  Sein Argument, es habe kein Turnir stattgefunden und er könne sie daher auch nicht gewonnen haben bringt ebenfalls kein Erfolg. Die Beiden nehmen einen Richter, der Herzeloyde recht gibt. Darauf folgen ihre sehr treffenden Worte „hêr, nu sît ir mîn.“.  
Herzeloydes aggressives Vorgehen entspricht nicht der höfischen Norm. Sie setzt sich über die Geschlechterrollen weg, indem nicht sie die von Gahmuret Umworbene ist, sondern selbst aktiv wird, um ihn zu gewinnen.  Sie handelt nur in ihrem eigenen Interesse, wobei sie Gahmurets Gefühle und Wünsche übergeht.  

      2.1.2 Die Beziehung

Herzeloyde heiratet, als Königin zweier Reiche, den Zweitgeborenen ohne Erbe.  Dieses Machtverhältnis bleibt in der Gahmuret aufgezwungenen Ehe weiterhin bestehen.  Blamires beschreibt Herzeloyde als „educator“ Gahmurets. Sie führt ihn in eine neue, ihm bisher unbekannte Form der Minne, nämlich die Ehe ein.   Auch die erste Liebesnacht weist wieder die verkehrten Geschlechterrollen auf,  wenn Herzeloyde ihn in ihre Kammer führt.
Gahmuret ist in dieser Beziehung eingeengt. Die einzige Freiheit, die er für sich gewinnen kann, ist die Erlaubnis, einmal im Monat ein Turnier zu besuchen.  Das Hemd, das Gachmuret als Liebespfand mit auf die Turniere nimmt, wird beschrieben als ein Zeichen von starker Verbundenheit und einer vollkommenen Ehe.  Bei Hafner wird diese Geste anders interpretiert: Das Hemd wird zum Symbol für Gahmurets Unfreiheit, und dass er es über der Rüstung trägt und von den Gegnern zerstören lässt ist ein Akt der Befreiung und der Agressionsbewältigung.

Von dem, was Gahmuret bewegt und was er auf Ritterfahrt tut, hat Herzeloyde keine Ahnung, wie klar wird, als Gahmuret auf Ritterfahrt ins Heilige Land geht:

   Waz dâ geschehe, wie ez dort ergê,
   gewin und vlust, wie daz gestê,
   desn weiz vrou Herzeloyde niht.
            Parzival 102, 23-25

Nun wird von einer höfischen Dame nicht erwartet, dass sie sich mit Politik auskennt, was sich in der darauffolgenden Preisung der Vorzüge Herzeloydes widerspiegelt.  Doch weist die explizite Erwähnung der Unwissenheit Herzeloydes darauf hin, dass die Interessenverschiedenheiten der Beiden nicht bedeutungslos sind.

Kennzeichnend für Herzeloides Charakter ist auch folgende Beschreibung ihrer Beziehung zu Gahmuret:

   ir waz ouch wol sô liep ir man
   ob ie kein vrouwe mêr gewan
   sô werden vriunt, waz war ir daz?
   si möehte ez lâzen âne haz.
            Parzival 103, 11-14
   
Lewis interpretiert diese Stelle, Herzeloyde definiere Gahmurets Wert, indem sie sich mit anderen Frauen vergleiche und befinde, dass sie besser abschneide. Herzeloyde „beneide“ keine andere Frau.  Gahmuret könnte man in diesem Kontext als Prestigeobjekt bezeichnen. Die zweisprachige Reclamausgabe hingegen übersetzt die Textstelle als „Ihren Gemahl liebte sie so sehr, daß sie jeder andern Frau einen ebenso edlen Geliebten gegönnt hätte.“  Ich selbst verstehe den Abschnitt wie folgt: „Ihr war auch ihr Mann so lieb, wenn niemals mehr eine Frau einen so edlen Freund gewann, was kümmerte es sie?“ Sie zeigt also schlicht Desinteresse am Wohlergehen anderer Frauen, solange es ihr nur selbst gut geht. „si möechte ez lâzen âne haz.“ verstehe ich als weitere Betonung ihrer Gleichgültigkeit.
Dieses Desinteresse den Bedürfnissen anderer gegenüber ist an sich vielleicht nicht besonders bemerkenswert, aber dadurch, dass der Erzähler diesen Charakterzug explizit herausarbeitet, wird seine grundlegende Bedeutung deutlich.
Im Weiteren heißt es, sie warte auf Gahmurets Rückkehr, denn diese sei für sie lebenswichtig.
Lewis schließt aus diesen Teststellen, Herzeloyde brauche Gahmuret aus reinem Eigennutz.  Niermann hält den Schluss Lewis' für überinterpretiert und führt das schon von Lewis berücksichtigte Argument an, Herzeloydes Unwissen sei für eine höfische Dame üblich.
Tatsächlich aber ist es schon sehr auffällig, dass Herzeloyde gerade hier überhaupt dem Cliché entspricht, wo es so gut zu ihrem selbstbezogenen Charakter passt, schert sie sich doch sonst, wie bereits beschrieben, wenig um höfische Konventionen.

      2.1.3 Gahmurets Tod

Als Herzeloyde von Gahmurets Tod erfährt, bricht sie, nach einem Ohnmachtsanfall, in eine heftige Klage aus. Hier unterstellt Lewis reines Selbstmitleid ohne wahre Trauer über Gahmurets Tod. Sie macht dies fest an Zitaten wie „ich hân doch schaden ze vil genomn, / an mînem stolzen werden man. / wie hât der tôt ze mir getân.“  und kontrastiert Herzeloydes Selbstmitleid mit „der tiefen Trauer der Mannen“ im Knappenbericht.  
Beim Vergleich der beiden Textstellen konnte ich vor allem einen Unterschied feststellen: Die Beziehungen zwischen den jeweiligen Trauernden und Gahmuret. Während Gahmurets Mannen den Verlust ihres Kriegshelden betrauern, betrauert Herzeloyde den Verlust ihres geliebten Mannes. Qualitativ gibt es in den Klagen meines Erachtens keinen Unterschied.
Der Verlust betrifft eben nicht den Verstorbenen, sondern den Hinterbliebenen. Somit ist die Aussage „wie hât der tôt ze mir getan!“  von Seiten Herzeloydes genauso berechtigt, wie „gunêrtiu heidensch witze / hât uns verstoln den helt guot“  von Seiten der Mannen Gahmurets. Während die einen seinen Kampfeseifer preisen,  lobt Herzeloyde seine Vorzüge als Ehemann . Beide erwähnen seine manlîche triuwe  beziehungsweise manlîch triuwe .
Herzeloyde leidet sehr unter dem Tod Gahmurets und verleiht ihrem Schmerz durch Worte und Gesten Ausdruck. Das als reines Selbstmitleid ohne echte Trauer zu werten halte ich, so selbstfixiert Herzeloyde in vielerlei Hinsicht zweifellos ist, für überzogen.
Gahmuret wird im Heiligen Land begraben und Herzeloyde bleibt es verwehrt sein zerstörtes Hemd überzustreifen, wie sie es sonst tat, wenn er von der Ritterfahrt zurück kehrte. Gahmuret ist damit endlich frei.

   2.2 Herzeloyde und Parzival
      2.2.1 Übertragung Gahmurets auf Parzival

Nach dem Tod Gahmurets überträgt sich Herzeloydes Liebe und Herrschsucht in der Klageszene auf den noch ungeborenen Sohn.  Sie macht sich Parzival zu ihrem neuen Lebensinhalt, indem sie erklärt, es wäre Gahmurets zweiter Tod, wenn sie sich selbst, und mit ihr das Kind erschlüge.  Herzeloyde sagt über sich selbst: „bin sîn mouter und sîn wîp.“  Die Identifizierung Parzivals mit seinem Vater geht sogar soweit, dass es zu einer Erotisierung des Kindes kommt : Herzeloyde bestaunt zusammen mit ihren Hofdamen das visellîn zwischen seinen Beinen , und als sie das Kind stillt, denkt Herzeloyde Gahmuret läge wieder an ihrer Brust.  Dass „eine adelige Dame ihres Ranges“ ihren Sohn selbst stillt ist ungewöhnlich,  passt aber meines Erachtens in Herzeloydes selbstfixiertes Charakterbild. Sie will ihren Sohn mit niemandem teilen. In Verbindung mit der Identifizierung Parzivals mit Gahmuret wird ihr Handeln sogar noch verständlicher: sie will nicht, dass ihr Ehemann an der Brust einer anderen Frau liegt.



      2.2.2 Verhalten gegenüber Parzival

Um zu vermeiden, dass sie ihren Sohn verliert, wie sie Gahmuret verlor zieht sie sich mit ihm in den Wald von Soltâne zurück und enthält ihm jedes Wissen über das höfische Leben vor.  Aus Angst noch einmal verletzt zu werden bringt sie ihn um eine standesgemäße Erziehung. Blamires bezeichnet Herzeloydes Handlung als im Grunde egoistisch, auch wenn sie glaubt zu Parzivals Bestem zu handeln.  Parzival erfährt nicht einmal seinen eigenen Namen, er wird von seiner Mutter nur „bon fîz, scher fîz, bêâ fîz“  genannt, womit sie ihn allein als ihren Sohn definiert.
Als er schließlich durch Zufall doch von den Rittern erfährt, beschließt er sogleich auch einer zu werden und schildes ambet zu üben.  
Hier wird Herzeloyde nun erst richtig gemein. Sie schadet bewusst ihrem Sohn, um dafür zu sorgen, dass er keinen Erfolg in der Welt hat und enttäuscht zu ihr zurück kehrt.  Auf seine Bitte nach einem Pferd denkt sie bei sich: „ichn wil im niht versagen: ez muoz aber vil boese sîn“  und beschließt desweiteren ihm Narrenkleider anzuziehen, damit die Leute über ihn spotten und er geroufet unt geslagen wird.
Im Vers 126,30 heißt es „ôwê der jaemerlîchen dol!“. Diese Aussage konnte ich nicht genau zuordnen. Die zweisprachige Reclamausgabe übersetzt es als „Ach, wie groß waren ihre Herzensqualen!“. Diese Aussage ließe immer noch wenigstens zwei Interpretationsansätze zu: entweder sind ihre Herzensqualen über Parzivals Entscheidung fortzuziehen so groß, dass sie sie zu ihrer rücksichtslosen Handlung bewegen, oder sie leidet Herzensqualen aufgrund ihrer Entscheidung Parzival zu schaden. In letzterem Fall wäre sie sich deutlich ihrer Schuld bewusst, was sie in meinen Augen menschlicher macht. Niermann hingegen versteht die Stelle als Klage des Erzählers über Herzeloydes Vorhaben.
 Als Parzival fortgeht, geht mit ihm Herzeloydes Lebenssinn. Sie läuft ihm nach und als er nicht mehr zu sehen ist, stürzt sie nieder und stirbt.  Nach Gahmurets Tod war sie selbst ausdrücklich nur am Leben geblieben, weil sie Gahmurets Spross in Leibe trug.  Nun, da auch dieser sie verlassen hat stirbt sie Gahmuret nach.

3. Fazit

Herzeloydes Liebe zu Gahmuret und Parzival ist mitSsicherheit keine selbstlose Liebe, die auf das Wohl des Anderen aus ist. Aber wirklich ideale, selbstlose Liebe kommt auch im echten Leben selten vor – wenigstens Eifersucht ist weit verbreitet. Ich halte das Bild der liebenden Mutter mit Kotrollzwang für ein nicht unrealistisches und auch nicht veraltetes. Durch ihre Egozentrik wird Herzeloyde also nicht zu einem gefühllosen Monster. Im Gegenteil machen ihre Schwächen sie menschlich. Herzeloyde ist weder eine Heilige, noch eine „Unheilige“, sie ist einfach nur ein Mensch.








4. Quellenverzeichnis


Blamires, David: Characterization and Individuality in Wolfram's Parzival. Cambridge 1966


Hafner, Susanne: Maskulinität in der höfischen Erzählliteratur. Frankfurt am Main 2004


Lewis, Gertrude Jaron : Die Unheilige Herzeloyde. Ein ikonoklastischer Versuch. In: Journal of English and Germanic philology 74 (1975), S.465-485.


Niermann, Annabel: Frauengestalten in den Parzivalromanen Adolf Muschgs und Wolframs von Eschenbach. Eine kontrastive Analyse anhand der Frauengestallten  Herzeloyde und Sigûne. Marburg 1998.


Rostek, Markus: mit selher jugent hât minne ir strît: Die Bedeutung von Jugend, Ehe und Verwandtschaft für die Entwicklung der Titelfigur im 'klassischen' mittelhochdeutschen Artusroman. München 2009.


Wolfram von Eschenbach: Parzival. Auf Grundlage der Handschrift D herausgegeben von Joachim Bumke. Tübingen 2008.


Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch. Reclam, Stuttgart 1981.
« Last Edit: 05. April 2010, 00:51:35 by Mino »
Grüße,
Mino der Barde
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Praesis ut prosis, non ut imperes.